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Die unerwartete Rückkehr der Atomkraft in Europa

Ursula von der Leyen spricht von einer "Renaissance" der Atomkraft in Europa. Diese mögliche Wende wirft Fragen über die Zukunft der Energieversorgung auf.

Lena Hoffmann · · 3 Min. Lesezeit

In einer kleinen, kaum beachteten Pressekonferenz in Brüssel bemerkte Ursula von der Leyen, dass die Atomkraft eine "Renaissance" in Europa erleben könnte. Man könnte annehmen, dass solche Äußerungen in der aktuellen politischen Landschaft nicht nur für Aufsehen sorgen, sondern auch für die eine oder andere Häme. Denn in Zeiten, in denen die erneuerbaren Energien die Bühnen der Energiepolitik dominierten, scheint die Vorstellung, dass Atomkraft wieder ins Spiel kommt, nahezu absurd.

Ich erinnere mich still und heimlich an meine Schulzeit, als ich zum ersten Mal über die Vorteile und Risiken der Atomkraft unterrichtet wurde. Der Lehrer sprach oft mit einem underton der Dramatik über die "Atomsicherheit" und die Frage, was passiert, wenn Dinge schiefgehen. Bilder von strahlenden Ruinen und verdorrten Landschaften prägten sich mir ein. In jener Zeit gab es schon die ersten Ängste über die möglichen Konsequenzen eines Zweiten Tschernobyls. Die Debatte über Atomkraft war oft emotional, selten nüchtern.

Doch die Welt hat sich weitergedreht und nun scheint die Umarmung des alternativen und nachhaltigen Energiezeitalters für einige nicht mehr die heilige Graallösung zu sein, als die sie einmal galt. Die geopolitischen Spannungen und der Ukraine-Krieg haben die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen neu definiert, während Wellen von Energiepreiserhöhungen durch die Zivilisation rauschen. Es ist kaum zu übersehen, dass die Diskussion über die Atomkraft, die lange Zeit nahezu stumm war, sich nun erneut entfaltet.

Die Frage, die sich mir stellt, ist, warum wir uns ausgerechnet jetzt mit dem Thema beschäftigen – einem Thema, das ursprünglich scharf kritisiert wurde. Ist es die Panik, die uns dazu bringt, in die Kältespeicher der Kernkraftwerke zurückzublicken? Oder ist es in der Tat eine ernsthafte Überlegung, die uns zu der Erkenntnis führt, dass wir den inneren Reichtum der Atomtechnologie nutzen sollten? Ulrich Beck sprach einst vom „Risikogesellschaft“, und ich frage mich, ob wir uns nicht in einem neuen Kapitel dieser Gesellschaft befinden, in dem wir die Risiken neu abwägen müssen.

Es gibt unbestreitbare Argumente für die Atomkraft. Sie hat das Potenzial, große Mengen an Strom bereitzustellen, ohne die CO₂-Emissionen, die aus fossilen Brennstoffen resultieren. Vielleicht ist das die Kernbotschaft von von der Leyens aufkeimendem Mantra. Dennoch sind die Schatten der Vergangenheit nicht leicht abzuschütteln. Die Debatten über die Sicherheit, die Entsorgung des Abfalls und die Kosten sind weiterhin präsent. Ja, auch die Kosten. Nie wieder sollen wir uns in die Schuldenfalle der überteuerten Atomprojekte stürzen. Ich frage mich, ob die schleppenden Debatten über das Verbot der Atomkraft zum Teil der Kolonialisierung dieser Diskurse geworden sind.

Ein weiterer Aspekt, der bei dieser Diskussion oft vergessen wird, ist die technologische Entwicklung. Die neuesten Generationen von Reaktoren scheinen sicherer und effizienter zu sein. Doch wird das Vertrauen so schnell wieder hergestellt? Wir leben in einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber großen Institutionen und Technologien allgegenwärtig ist. Wenn wir über Atomkraft diskutieren, müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Bürger in diesen Prozess einbeziehen können.

Wenn ich durch die Stadt gehe und auf die vielen Windkraftanlagen blicke, die sich wie ein sanfter Tanz über die Felder erstrecken, werde ich an die Zukunft erinnert. Die Energiewende ist im Gange, aber der Weg dorthin wird nicht ohne Kompromisse und Rückschläge sein. Vielleicht diese überraschende Wendung hin zur Atomkraft ist nicht das Ende der erneuerbaren Energiequellen, sondern eine Art von Symbiose, in der alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Vielleicht wird der Dialog über Atomkraft uns helfen, uns der Zähigkeit der Energiekrise zu stellen, ohne uns selbst in die Enge zu treiben.

Wie dem auch sei, die "Renaissance" der Atomkraft ist bereits auf der politischen Agenda. Ob sie wirklich stattfinden wird oder einfach nur ein vorübergehender Schattentanz in einem sich ständig verändernden energiepolitischen Raum bleibt, ist eine andere Geschichte. Der Mensch liebt es, die Zukunft zu planen, und in diesem Fall könnte er mit einem Blick zurück auf die Vergangenheit auf dem Holzweg sein.